CSPM

Christian Mülner

Markenberatung, Marketing & Design

Perfekt ist das neue langweilig.

Warum Charakter, Reibung und bewusste Unschärfe im Design wieder spannender werden.
Glatte Gestaltung ist heute fast überall verfügbar.

Noch nie war es so einfach, etwas sauber, ordentlich und professionell aussehen zu lassen. Templates, Designsysteme und KI-Tools liefern in kürzester Zeit Ergebnisse, die formal kaum angreifbar sind. Das ist beeindruckend – und gleichzeitig ein Teil des Problems.

Denn wenn sehr viele Gestaltungen perfekt ausgeleuchtet, pixelgenau und stilistisch geglättet daherkommen, verlieren sie oft genau das, was hängen bleibt: Charakter.

Ecken und Kanten schaffen Erinnerung.

Interessant wird Gestaltung häufig dort, wo sie nicht nur korrekt, sondern eigen ist. Wo eine Typografie Spannung erzeugt, wo eine Bildsprache rauer wird oder wo eine Komposition nicht nur auf Harmonie setzt.

Das bedeutet nicht, dass schlechtes Design plötzlich gut wird. Es bedeutet, dass bewusste Reibung wieder wertvoller wird – als Gegenpol zu austauschbarer Perfektion.

KI verstärkt die Sehnsucht nach Eigenständigkeit.

Je leichter sich perfekte Durchschnittsoptiken erzeugen lassen, desto stärker wächst die Sehnsucht nach etwas Menschlicherem. Nach Handschrift. Nach Spuren von Entscheidung und Gestaltung, die nicht wie eine saubere Standardlösung wirken.

Genau deshalb erleben wir wieder mehr Interesse an raueren Texturen, unperfekten Kompositionen, mutiger Typografie und editorialen Gestaltungsansätzen mit klarer Haltung.

Gute Unschärfe ist Absicht, nicht Schlamperei.

Ich spreche dabei nicht von Beliebigkeit. Eigenständiges Design entsteht nicht durch Zufall, sondern durch bewusste Entscheidungen. Der Unterschied zwischen spannend und chaotisch liegt in der Kontrolle.

Wenn Gestaltung reibt, aber trotzdem führt, wenn sie auffällt, aber nicht beliebig wirkt, entsteht genau die Art von Spannung, die Marken interessant macht.

Charakter schlägt sterile Korrektheit.

Für Marken ist das eine wichtige Erkenntnis. Wer nur glatt und gefällig auftreten will, läuft Gefahr, in einer Welt voller glatter und gefälliger Gestaltung unterzugehen. Wiedererkennbarkeit entsteht oft dort, wo etwas eine eigene Handschrift hat.

Und genau diese Handschrift wird im Zeitalter standardisierter Perfektion wieder wertvoller.

Mein Fazit: Perfektion ist kein Ziel an sich.

Ich mag präzise Gestaltung. Aber Präzision allein ist noch keine Persönlichkeit. Wenn alles perfekt ist, bleibt oft zu wenig Reibung übrig, um im Kopf zu bleiben.

Deshalb ist perfekt für mich nicht automatisch besser. Oft ist das Interessante gerade das, was ein wenig gegen die glatte Oberfläche arbeitet.